Die angebliche Bedrohung

In der Presse, Funk und Fernsehen wird oft darüber berichtet, dass es bereits auch bei uns ein eingewandertes Hörnchen geben soll, das amerikanische Grauhörnchen. Es werden wahre Schreckensszenarien geschildert über die angeblich so gefährlichen Einwanderer. Da kaum einer sich genau auskennt, nehmen nun viele Menschen an, dass ein Hörnchen, das nicht original-bilderbuchmäßig kastanienbraunrot ist, automatisch eins von den „Bösen“ ist. Einer der Sätze, die wir in fast jedem Gespräch zu hören bekommen, lautet: „Bei uns sind jetzt auch schon die schwarzen Hörnchen. Die jage ich immer gleich weg, weil sie ja unsere roten gefährden.“

Was die oft reißerisch aufgemachten Berichte enthalten, ist die reinste Panikmacherei, mit der Folge, dass unsere einheimischen Eichhörnchen, die nicht grade rot sind, verjagt, vertrieben, ja sogar vergiftet werden. Entsetzlich! Dieses ewige Eingreifen in die Natur zeigt hier wieder einmal fatale Folgen. „Wohlmeinende“ Menschen verjagen oder töten die Einheimischen, weil sie sie für Einwanderer halten.

Daher ist es uns ein Herzensanliegen Folgendes klarzustellen – und bitte bitte geben Sie diese Information an alle weiter: Unser einheimisches Eichhörnchen kann verschiedene Färbungen aufweisen. Am bekanntesten ist wohl das rotbraun (kastanienrotbraun) gefärbte. Es hat immer einen weißen Bauch, der sich nie verfärbt. Im Winter wechselt die Fellfarbe häufig, nicht immer, ins Graue. Es gibt aber auch Eichhörnchen, die dunkelbraun, fast schwarz sind oder braunorange, wie aus den hier beigefügten Fotos ersichtlich. Manchmal sind nur Teile des Felles ins Graue verfärbt, so dass es fast wie „Patchwork“ aussieht. Aber egal, welche Farbschattierung es haben mag, es handelt sich noch immer um unser einheimisches Eichhörnchen!


Es gibt noch keine Grauhörnchen in Deutschland!

Um eine weitere Frage zu beantworten: Die amerikanischen Grauhörnchen können sich nicht mit unseren einheimischen Eichhörnchen kreuzen. Auch diesbezüglich Entwarnung: Es gibt keine „Mischhörnchen“. Hintergrund der Panik-Berichte ist folgender: Die Grauhörnchen leben in einigen Teilen Nordamerikas und Kanadas. Sie sind deutlich größer, im Körperbau plumper als die europäischen Hörnchen, aber sie sind sehr robust und überlebensfähig in verschiedenen Umgebungen und haben generell eine höhere Lebenserwartung (ca. 10 - 12 Jahre). In England wurden ab 1876 über einen längeren Zeitraum hindurch amerikanische Grauhörnchen ausgesetzt. Die Besitzer dieser Tiere hielten dies für eine gute Idee, die Natur zu bereichern. Leider wirkte es sich verheerend auf die Population der dortigen europäischen „roten“ Eichhörnchen aus.

Die artfremden Hörnchen waren Träger eines Virus (Parapoxvirus), gegen den sie selbst immun sind, der aber den europäischen Hörnchen so gefährlich werden kann, dass diese an der Erkrankung sterben. Tatsächlich minimierte diese Krankheit die einheimischen Hörnchen in großer Zahl, so dass die Einwanderer relativ schnell deren Plätze besetzen konnten. Es heißt oft, durch die rasante Vermehrung der Grauhörnchen habe sich die einheimische Fauna und Flora verändert. Aber: In Zeiten kalter Winter hatten die Engländer viele Wälder abgeholzt um damit ihre Behausungen warm zu halten. Anstelle der dort einheimischen – aber langsam wachsenden – Bäume wurden häufig ausländische Baumsorten gepflanzt, die wesentlich schneller groß werden – und schneller zu Brennholz verarbeiten werden konnten. In den neuen Wäldern (zu wenig Nadelwald) hatten es die einheimischen Eichhörnchen schwerer Fuß zu fassen und gut zu überleben. Für die Grauhörnchen jedoch waren die Laubwälder keinerlei Problem, ganz im Gegenteil.

Die Population der roten Hörnchen ging immer mehr zurück. Das typische Bild in Londoner Parks sind die amerikanischen Grauhörnchen, die sich gerne angebotenes Futter holen und sich allerorts tummeln. Durch die Bestrebungen einiger Tierschützer konnten sich an bestimmten Plätzen die einheimischen Hörnchen halten. In England sind Forscher damit beschäftigt, einen Impfstoff gegen den Parapoxvirus zu entwickeln um die roten Hörnchen zu schützen.

Um die Zahl der Grauhörnchen in den Griff zu bekommen, gibt es von den dortigen Politikern den Vorschlag, sie zu töten und zu essen. Es werden Fallen aufgestellt um die Tiere in andere Gegenden zu bringen, Kastrations- und Verhütungsprogramme wurden entworfen. Doch die Natur hat ja auch einiges in petto. Es scheint sich bei einigen europäischen Hörnchen eine Immunität gegen das Parapoxvirus entwickelt zu haben. Es sind auch nicht alle amerikanischen Grauhörnchen Träger des Virus!


Alles nur halb so wild?

Nun scheint sich langsam eine andere Methode zum Ende der Ausbreitung zu anzubahnen: Es gibt in England wieder mehr Baummarder, denen die schwereren und nicht so flinken Grauhörnchen schneller zum Opfer fallen als die europäischen. Auch in anderen Ländern, wie in Italien, wurden vor ungefähr 60 Jahren amerikanische Grauhörnchen in die Natur entlassen. Die sich ausbreitenden Grauhörnchen könnten über die Schweiz im Laufe der Jahre auch in Deutschland ankommen und sich hier verbreiten.

Es sind wohl schon ein paar Grauexemplare an der italienisch-schweizerischen Grenze angekommen – und siehe da: Sie scheinen dort die einheimische Eichhörnchenpopulation nicht zu gefährden. Das liegt wohl auch daran, dass die Grauhörnchen es schwerer in den dortigen Wäldern haben, der Nadelwald ist für die einheimischen Hörnchen optimal. Die Grauhörnchen haben es leichter in Laub- und Mischwäldern. Und im Gegensatz zu den Sensationsberichten greifen die amerikanischen Hörnchen ihre „roten“ Artgenossen nicht an, alle leben in Koexistenz. Sicher ist die langfristige Problematik einer eventuellen Verdrängung der roten Hörnchen nicht von der Hand zu weisen. Und man sollte die Zeit nutzen um sich an die englischen Wissenschaftler zu wenden um bezgl. derer Erkenntnisse und Ergebnisse (Impfstoff gegen Virus, Verhütungsprogramme, Nadelwaldaufforstung) auf dem Laufenden zu bleiben um bei uns entsprechend vorbereitet zu sein und agieren zu können.

Dennoch: Wir schließen uns dem britischen Biologen Ken Thompson an und plädieren für mehr Gelassenheit. Noch sind keine eingewanderten Grauhörnchen in Deutschland. Im Übrigen war es schon immer so, dass Pflanzen und Tiere (und die Menschen) sich über Grenzen hinweg ausbreiteten, sei es auf natürlichem Wege, durch Menschenhand, Vernichtung von Lebensräumen oder durch den Klimawandel, der uns noch einige schwerwiegendere Veränderungen bringen wird.

Und mal ehrlich: Schauen Sie sich unsere Fotos der amerikanischen Grauhörnchen mal genauer an. Sind nicht auch sie wunderschön und niedlich? Zum Verdeutlichen haben wir einige Unterschiede versucht herauszuarbeiten: Graue Hörnchen haben nie Ohrpuscheln, sie sind immer in der gleichen Färbung: grau-ockerfarben mit weißem Bauch. Sie haben helle Ringe um die Augen, sie sind bis doppelt so groß wie die einheimischen Hörnchen, haben einen plumperen Körperbau, bewegen sich nicht so behände und flink wie unsere. Mit einem Wort: Man erkennt sofort auf den ersten Blick, dass es Grauhörnchen sind.

In Deutschland ist der Privatbesitz und Handel von amerikanischen Grauhörnchen gesetzlich verboten.

Ein Tipp: Schauen Sie sich den Film „Charlie und die Schokoladenfabrik“ (von Tim Burton) an. Dort gibt es eine längere Szene, in der Sie sich die amerikanischen Grauhörnchen genau ansehen können und diese vielleicht ebenfalls liebgewinnen.

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